das hier hab ich heute auf der Homepage von Dr. Strunz (
www.drstrunz.de) gefunden, ich kopiers einfach mal hier rein, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen Strunzer...:
Eine persönliche Stellungnahme von Dr. Ulrich Strunz - Teil II:
Der Unfall - Teil II
Die Höllenfahrt
...wenn nur die Schmerzen nicht wären!
Nach 6 Wochen, so hatten die Professoren versichert, seien die gebrochenen Knochen verheilt, man könne wieder trainieren. Leider, leider hat das nur für die Rippen gestimmt. Nicht gestimmt hat es für Handgelenk, Knie und Wirbelsäule. Die Schmerzen besonders im Rücken wurden immer stärker. Rätselraten. So ist das eben in der Medizin...
Ein hochauflösendes Kernspin ergab, dass ein Brustwirbel völlig zertrümmert sei und nie mehr zusammen wachsen würde. In professoralem Ton hörte ich weißhaarige Kapazitäten von großem Glück sprechen. Ich hätte längst querschnittsgelähmt sein müssen. Wenn schon nicht am Unfalltag, dann wohl in den folgenden 7 Wochen im Krankenbett. So etwas baut auf. Die Alternative: Korsett das ganze Leben oder Operation. Also Operation.
Eine völlig neue Erfahrung: Gefährlich. Niemand wollte operieren. Erst in der Provinz fand ich einen mutigen Mann . Telefonisch am Abend: "Herr Chefarzt, können Sie mir helfen?" Antwort: "Kommen Sie morgen früh." Am Morgen in zwei Minuten kurz, knapp, kompetent seine Erklärung, wie er von vorne durch meine Brust hinten die Wirbelsäule verschrauben würde. Ein Mann der Tat. Ihm gehört heute noch mein Herz.
Sonntag Abend in die Klinik eingerückt und am Montag Mittag an der Beatmungsmaschine wieder aufgewacht. Eine Woche später. Da fehlten 8 Tage.
Später habe ich von meiner Höllenfahrt erfahren: Operation geglückt, leider Nachblutung, die man zwei Tage später an meiner offenbar spitzen , weißen Nase erkannte. Hämoglobinabfall von 17 auf 8. Der Brustkorb voll Blut. Notoperation, leer saugen, viele Schläuche, bewusstlos beatmet, die ganze Woche durch. Allgemeine Stimmung zu Hause: Das war's dann wohl. Dann doch nicht: Irgendwo war da noch ein Funke, der mich aufwachen ließ. Am Tag darauf eine völlig neue Körpererfahrung: Zwei kräftige Pfleger hievten mich aus dem Bett- aber meine Beine wussten nicht mehr, was stehen heißt. Das habe ich mir gut gemerkt.
Bitte, liebe Mitmenschen: Sagen Sie Danke! Sagen Sie Danke jeden Morgen zu Ihrem Körper, zu Ihren Beinen, wenn die Sie tragen. Es gibt auch das Gegenteil.
Sie ahnen, wie so etwas weiter geht. Lungenentzündung, Pleuraergüsse, unbeschreibliche Schmerzen im Rücken und jetzt auch vorne am aufgeschnittenen Brustbein bei jedem Atemzug. Körperlicher Verfall von Tag zu Tag.
Daraufhin ach so typische Flucht aus dem Krankenhaus auf dem Rücken meiner Frau. Umfunktionieren des Schlafzimmers in ein Krankenzimmer mit täglichen Infusionen, sterilen Verbandswechseln, ärztlicher und pflegerischer Betreuung rund um die Uhr und...
... Eiweiß! Nie habe ich mehr die Berechtigung dieses Wortes erfahren als jetzt. Der Eiweißspiegel im Krankenhaus war auf 5,5 g% abgefallen, praktisch Null. Kein onkotischer Druck in den Gefäßen mehr. Daher in 5 Tagen 10 Kilogramm Wassereinlagerung in das Gewebe. Aussehen wie ein aufgeblähter weißer Frosch. Kein Eiweiß heißt auch Immunsystem am Ende. Keine Wundheilung. Kein Elan, kein Antrieb. Also wochenlang früh, mittags, abends Eiweiß, Eiweiß, Eiweiß. Kohlenhydrate völlig überflüssig, wie ja jeder Eskimo zeitlebens beweist. Und dann, nach Wochen, nach Abklingen der Infektion langsamer, schmerzhafter Aufbau jedes einzelnen inzwischen verkümmerten Muskels. Kurz und gut:
All das, was ich von Hermann Maier und anderen verletzten Sportlern bisher nur staunend und leicht schaudernd gelesen habe, durfte ich nun am eigenen Leib nachvollziehen. Chronischer Schmerz, Bewegung in den Schmerz hinein, tiefe Verzweiflung, die stündliche Suche nach dem letzten Funken Willen. Viele Menschen haben das vor mir erlebt und genau so viele haben es geschafft. Gedanken, die weiterhelfen.
Inzwischen ausgesprochener Stress: All die Muskelübungen, angefangen vom Hals bis hinunter zu den Knien, all die Stretching- und Dehnübungen, all die Sprachübungen (natürlich Rekurrenzparese, also Stimmbandlähmung nach OP: Unter Kollegen geht schief, was schief gehen kann). All diese Übungen beschäftigen einen Menschen 26 Stunden pro Tag.
Gelernt habe ich, dass wir hier in Deutschland begnadet sind. Wir sind nie allein. Wenn Sie bitte sagen, wird Ihnen geholfen. Das ist nicht selbstverständlich und schon überhaupt nicht in anderen Teilen unserer Welt. Tatsächlich war ich aufgehoben in Fürsorge. Und wurde täglich aufgerichtet durch tröstliche Briefe von Ihnen. Danke!
Geträumt habe ich in diesen Wochen von Hawaii. Wie ein Fisch frei und lebendig schwimmend in dem herrlich warmen blauen Wasser mit 20-30 Meter Sicht auf andere Triathleten vor mir. Scheint mein Lebenstraum zu sein. Das habe ich erlebt- und das werde ich wieder erleben. Federleicht bewegen in wohlig warmer Umgebung...
Ich kann's nicht lassen: Buchempfehlung dazu: von Klaus Haetzel . "Wege auf Wasser und Feuer" . Bei Econ. Der Chef des Senatspresseamtes in Berlin, der dem Krebs und den Metastasen davonlief und zum ersten deutschen Ultraman Hawaii wurde, 1988. Auf seinen Spuren bin ich mit großem Respekt 1989 und 1990 geschwommen, geradelt und gehumpelt.
4 Monate sind seit dem Unfall vergangen. Heute lässt der beginnende Frühling meine Seele wieder lächeln. Und die ärztliche Praxis mein Herz.