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Einleitung
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4 (Essstörungen)
    Wie flexibel ist meine Waage
    Essen als Kraftschöpfung
    Dünn um jeden Preis
    Essstörung

Wie flexibel ist meine Waage

Wie flexibel ist meine Waage...



Jede und jeder von uns kennt das Gefühl: Man geht an den Schaufenstern vorbei, ein rein zufälliger Blick auf das eigene Spiegelbild – oh Schreck! Die Tüten wollen aus der Hand fallen, ist der Schatten aufgestanden und steht jetzt auch noch hinter mir.? Also ICH hatte mich immer viel schlanker in Erinnerung! Nachdem ich mich dann doch nach allen Seiten umgedreht hatte und der Schatten immer noch zu meinen Füßen lag – na ja wo sonst... kam ich ins Grübeln. Gut ich überlege am allerliebsten bei einer guten Tasse Kaffee, also rein in die nächste Cafeteria und erst mal einen Capuccino - natürlich mit Sahne - jetzt ist es eh schon egal

Der Entschluss steht fest: Ich werde dieses alte, verstaubte Teil hinter dem Badezimmerschrank wieder zum Leben erwecken – und wehe es begrüßt mich nicht so, wie ich es mir vorstelle. Als ich sie aus meinem Blickfeld verbannte wog ich gerade mal so 65 kg – könnte ja sein, dass sich die liebe, nette, kleine Waage das gemerkt hat! Sie wird es mir doch nicht übel genommen haben, dass sie so lange kein Tageslicht mehr sehen durfte?

Also frischen Mutes wieder nach Hause, alle Tüten weggepackt und fröhlich trällernd in das Badezimmer – ich redete mit der Waage, oder redete ich ihr und mir Mut zu? Na egal. Ein zielsicherer Griff, sie hat ihr Aussehen nicht gravierend verändert - der Neid muss es ihr lassen; keine Falten, kein Gramm mehr... aber freu – auch sie hat Alterserscheinungen! Die Batterien sind leer! Was für ein Glück! „Fahr ich jetzt mit dem Auto oder laufe ich zu Fuß, um doch noch Batterien zu besorgen?“ Das schlechte Gewissen saß mir doch tatsächlich im Nacken - MIR! Es hatte gewonnen, ich ging zu Fuß. Natürlich blieb es mal wieder nicht nur bei den Batterien, typisch – na ja, auf dem Rückweg wurden meine Arme lang und länger. Da wurde mir doch erst wieder bewusst, wie bequem eigentlich ist, mit dem Auto überall hinzufahren.

Ich näherte mich - bewaffnet mit den Batterien - dem Badezimmer. Die Waage wartet immer noch geduldig! Nachdem sie - gefüttert durch neue Batterien - wieder ins Leben erwacht ist, kamen bei mir doch Zweifel. Sollte ich nicht doch lieber bis morgen warten? Gedanken schossen mir durch den Kopf, was hast du heute alles gegessen, hm – wie viel könnte das alles zusammen wiegen? Nur für den Fall der Fälle, dass es mich jetzt gleich umhaut! Jeder kennt die Überwindung, die es kostet sich nach über 2 ½ Jahren wieder diesem hartherzigen Wesen zu stellen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein zögerlicher Schritt, mir wurde ganz schlecht, was doch nur ein Fuß wiegen kann – sollte ich nicht doch lieber noch eine Waage kaufen, evtl. bin ich für eine zu schwer? Nein, rauf – wie grausam sie doch zu mir war!! Sie hatte doch tatsächlich mein damaliges Gewicht vergessen! Auch als ich ihr sagte, „Du ich bin die, die dich damals in die Ecke stellte, nachdem du mich geärgert hattest“, blieb sie bei dem Ergebnis. Sie lies nicht mit sich reden, oder doch, ich konnte reden soviel ich wollte – sie ignorierte mich einfach! Nein, ich sage nicht, was sie angezeigt hatte. Kann es daran gelegen haben, dass sie nicht richtig auf den Fliesen stand. Etwas nach links verschoben, wieder drauf – gleiches Resultat. Etwas nach rechts und nach vorne verschoben – 200g weniger; na wer sagt es denn! Nichts desto trotz, das Spiegelbild und die roten Zahlen der Waage vor Augen, läuteten die nächste Diätenrunde ein.







Am nächsten Morgen ganz zeitig in der Früh, nach Toilettengang und Körperpflege, ganz im Eva-Kostüm stellte ich mich wieder den roten Zahlen der unbarmherzigen Waage. Auch noch in rot sind diese Zahlen. Wer sich diese Farbe wohl überlegt hat, alternativ wäre doch grün viel angenehmer! Auch wenn es am Ergebnis nichts ändert, empfinde ich doch grün als wesentlich angenehmer, als wenn diese für mich utopischen Zahlen mir auch noch in rot signalisieren: STOP! Zu allem Übel kam noch hinzu, dass sie mir auch noch ausgerechnet und mitgeteilt hatte, wieviel ich seit dem letzten Wiegen zugenommen habe! Wer hat ihr denn rechnen gelehrt? „da steht +.... kg = ZUGENOMMEN!“ Mit einem Satz war ich wieder von der Waage – aber nein, es nützte nichts, nun hatte ich es rot auf schwarz vor mir gesehen! Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Vor dieser schleichenden Invasion der Gramms und Kilos musste ein Exempel statuiert werden. Meine Deprikrise setzte ein. So konnte das nicht weitergehen!

Ich, Shelly3004, startete die x-te Diät... Mutig beschritt ich ein Fitness-Center. Irgendwie musste ich ja den Einstieg finden. Der Personal-Fitness-Trainer schaute mich an, nahm meine Daten auf, hielt mir natürlich gleich einen Vertrag vor die Nase und meinte dann: „Damit Sie ihr Zielgewicht as soon as possible erreichen, sollten Sie mindestens 5 x wöchentlich für 2 Stunden hier trainieren!“ Mir stand schon der Schweiß auf der Stirn, als ich die vielen Geräte sah.. Mordinstrumente! Nichts für einen sehr fraulichen Körper! Den Muskelkater brauch ich nicht erwähnen, den ich nach den 2 Stunden hatte. Also ich nach Hause – unter die Dusche und anschließend auf die Waage, wollten doch mal sehen, ob sie was bemerkte! Yes, -1,2 kg! Das war doch ein Erfolg. Vorerst. Die Ernüchterung folgte sofort am nächsten Morgen, da war davon nicht mehr viel zu erkennen; wo ist denn das ganze Kilo von gestern geblieben, was ich weniger gewogen habe, als heute? Einige Sekunden der Überlegung folgten, also doch nur alles Wasser, was da verschwunden war? ... Grausam!
Ich dachte mal so: 5 x 2 Stunden x -1,2 kg = -6 kg in einer Woche... das wäre doch super! Das ist doch ein Erfolgserlebnis.. Nix war´s! Nach 14 Tagen sprach ich mit meinem Trainer, da ich bis dahin nur 4 kg abgenommen hatte. Dieser verpasste mir dann einen „Essensplan“ – schon alleine beim Abendessen, es bestand aus 150 g Gemüse und 100 g gedünstetem Fisch, kamen mir Zweifel, ob ich das jemals durchhalten würde! Mein Magen stellte mir nach diesem kleinen Haihappen die Frage, was es denn jetzt nach dieser „Vorspeise“ noch geben würde.. Tapfer blieb ich bei Mineralwasser und Tee.

Der nächste Tag begann mit dem gleichen Badzimmer-Ritual, wie tags zuvor – mit dem kleinen Unterschied: die Waage behauptete, dass ich NICHTS abgenommen hätte. Da hungerte ich den ganzen Abend, knurrte jeden an, der mit Essen durch die Gegend lief und dieses kalte, herzlose Wesen meinte nur lapidar: NIX ABGENOMMEN! Das konnte ich nicht glauben, aus diesem Grunde mussten meine Kinder – ob sie wollten oder nicht – auch rauf auf die Waage. Wollte doch sehen, ob die sich nur das Gewicht von gestern gemerkt hatte und mich nur ärgern wollte. Aber nein, sie zeigte tatsächlich bei jedem ein anderes Gewicht an! Sollte es tatsächlich so sein, dass ich wirklich kein Gramm abgenommen hatte? Ich konnte es nicht fassen. Etwas missmutig löffelte ich mein Frühstück, welches aus 150 g Magerquark und 100 g Schattenmorellen bestand. Meine Tochter stellte mir nur die Frage, wie lange ich wohl dieses wunderbare Frühstück einnehmen werde, nachdem sie sah, mit welcher Todesverachtung ich den Quark löffelte. Ich selber gab diesem Frühstück keine 3 Tage! Anschließend machte ich mich auf den Weg in diese Folterfabrik. Mir floss der Schweiß in strömen, meine Waage hatte dafür wenig Mitleid. Sie gab mir mal wieder nur –1,0 kg. Auch half diesmal das Verrücken auf den Fliesen nichts. Sie blieb standhaft bei ihrer Meinung.. Keine Flexibilität hatte dieses Teil – ich drohte ihr, sie sofort wieder hinter den Schrank zu stellen, sollte sie sich weiterhin auf stur stellen! Ich gab ihr Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen, dann wollte ich Resultate sehen.

Meine Laune verschlechterte sich zusehends, als ich das Mittagessen bereitete. Mein Kinder bekamen Leckeres und ich 100 g Hühnerbrust und 150 g Feldsalat – aber Hallo, das ist doch kein Essen! Das ist doch nicht mal ein Snack! FELDSALAT – ich bin zwar Stier, aber steh ich deshalb auf der Weide? Nein, nein.. wo sind denn bitte schön die Beilagen? Die Fleischportion passte auf einen Kuchenteller und kam sich dort noch sehr verlassen vor – dafür quoll der Salat fast aus der Suppenschüssel. So viel Grünfutter. Jetzt weiß ich auch, weshalb Kühe 7 Mägen haben. Ich habe nur einen und der ist mit so einem Berg an Vitaminen eindeutig überfordert. Könnte ja sein, dass ich einen Vitaminschock erleide. Wer hilft mir dann und: wie macht der sich bemerkbar? Also beschloss ich den Salat schön auf den Nachmittag verteilt zu „genießen“. Abends kippte ich ihn dann in die Biotonne. Fazit: 150 g Feldsalat sind für meine dreiköpfige Familie definitiv zuviel, 50 g genügen! Das Abendessen bestand aus 150 g Hüttenkäse – ausgesprochen lecker; jedoch keinesfalls ausreichend! Den Abend überstand ich nur mit 2 l Tee „immer wenn der kleine Hunger kam...“ und ausgerechnet dann bestand die Werbung nur aus Essen! In jedem Film wurde gefuttert, das Fernsehen war der reinste Marterpfahl – ich ging ins Bett.

Nein, ich möchte jetzt nicht erwähnen wie oft ich in den Nächten aufgestanden bin, da ich einem dringenden Bedürfnis folge leisten musste. Selbstverständlich führte mein Weg immer an der listig dreinschauenden Waage vorbei; ich spürte förmlich ihre musternden und abschätzenden Blicke. Auf dem Rückweg gab ich ihr dafür einen kleinen Tritt... „Strafe muss sein“. Nach einer weiteren Woche hartem Training und Muskelkater ohne Ende (meine Güte, wo kommen die Muskeln denn alle her?) hatte ich dann doch ein Erfolgserlebnis, dieses zarte Wesen, welches mein Badezimmer zieret, teilte mir dann mit –1,5 kg! Auch ihr ächzen und stöhnen wurde schon leiser, dafür das Knurren meines Magens immer lauter.

Am Ende der darauffolgenden sehr disziplinierten Woche kam dann das erschreckende Ergebnis, welches mich doch sehr an den Rechenkünsten und der Richtigkeit der Eicheinstellung zweifeln lies: Ich hatte ZUGENOMMEN! Trotz Tortur, trotz knurrendem Magen, trotz Disziplin! Dieses hartherzige Wesen hatte wohl einen schlechten Tag – oder hatte sie das Datum mit dazu gerechnet? Sollte ich mich daher immer nur am Monatsanfang wiegen? Ich begann mit ihr einen ernsthaften Monolog zu führen, teilte ihr mit, dass es für sie sicherlich nur ein kurzes Vergnügen sei, aus dem Badezimmer des 1. Stockes zu fliegen. Um meinen Worten den entsprechenden Nachdruck zu verleihen, zeigte ich ihr den Ausblick aus dem Badezimmerfenster – er ließ sie unbeeindruckt. Sie zeigte weder Verständnis oder gar auch nur den Anflug eines guten Willens mir eine andere Gewichtsklasse zu präsentieren.

Frustriert machte ich mich im Internet auf die Suche nach „Gleichgesinnten“. So bin ich auf diese wunderbare Seite gekommen und habe hier viele nette Leute getroffen. Ich hoffe, dieses Forum bleibt noch sehr lange sehr lebendig.




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