Sei doch brav mein liebes Kind und iss den Teller leer geschwind
„Wenn du heute schön aufisst, darfst du Pumuckl im Radio anhören“ – „Wenn du heute deinen Teller leer isst, darfst du mitkommen zum Spielplatz“ – „Wenn du heute beim Essen kein Theater machst, darfst du .........“ Ich durfte weder Pumuckl anhören noch zum Spielplatz oder sonst wohin. Ich war ein bockiges, böses Kind, das nicht essen wollte was auf den Tisch kam!
Da rutschte ich nun wieder einmal auf der Küchenbank hin und her. Vor mir auf dem Tisch stand mein gefüllter Teller, aus dem mir ein süßlicher Geruch entgegenströmte. Griesbrei! In der Mitte befand sich ein riesiger roter Klecks: Himbeersirup! Oh wie ich ihn hasste! Neben mir am Tisch saß mein kleiner Bruder und er liebte Griesbrei mit Himbeersirup. Während er eifrig einen Löffel nach dem anderen in seinem Mund verschwinden lies, starrte ich angeekelt auf meinen Teller, lies meinen Löffel vorsichtig in die weiße Pampe wandern, rührte zaghaft um und schaufelte schließlich eine winzige Portion vom Tellerrand. Mit gespitzten Lippen nippte ich an meinem Löffel. Immer einen ängstlichen Blick zu meiner Oma werfend, die mit verschränkten Armen vor uns am Tisch stand und mich böse ansah. Schnell schob ich den Klecks des süßen, klebrigen Breis in den Mund, schob ihn von einer Backe zur anderen um ihn schließlich mit Grausen hinunter zu schlucken. Grmpf! Mein Brüderchen hatte seinen Teller mit großem Appetit längs leer gegessen, während meine Portion einfach nicht weniger werden wollte. „Du bleibst so lange sitzen, bis der Teller leer ist!“ polterte meine Oma. Und da saß ich dann oft stundenlang, während ich sehnsüchtig dem Lachen meines Bruders zuhörte, der im Wohnzimmer mit meinem Opa spielen durfte oder verstohlen zur Tür schaute, ob nicht endlich meine Mutter heimkommt. So sehr ich mich auch bemühte, ich bekam dieses Zeugs einfach nicht runter. Meistens endete der Abend dann mit einem wütenden: „Schau, dass du jetzt ins Bett kommst, wer so heikel ist, hat keinen Hunger!“ Trotz meinem krachenden Magen waren diese Worte wie eine Erlösung für mich.
Damals war ich vier Jahre alt. Meine Eltern waren geschieden und wir lebten mit meiner Mutter bei den Großeltern. Meine Mutter arbeitete oft bis spät abends und unsere Großeltern versorgten uns mehr oder weniger liebevoll.
Durch den ständigen Essenszwang entwickelte ich eine regelrechte Abneigung gegen Essen im Allgemeinen. Tagsüber besuchte ich einen katholischen Kindergarten und auch dort war nahezu jeden Mittag Spektakel angesagt. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit, wurde mit einem Gongschlag die Essenszeit angekündigt. Egal was wir gerade spielten, wir mussten augenblicklich alles aufräumen, unsere Hände waschen und uns zum Essenfassen anstellen. Wahrscheinlich in der Hoffnung es würde nicht für alle reichen, stand ich immer als letzte in der Reihe. Welch ein Trugschluss - es reichte immer! Wir trugen unseren Teller an den Tisch, mussten gemeinsam ein Tischgebet sprechen und „durften“ dann mit dem Essen anfangen. Alle Kinder musste solange am Tisch sitzen bleiben, bis das letzte aufgegessen hatte. Schwer zu erraten, wer noch vor seinem vollen Teller saß und von allen angestarrt wurde: Ich! Mit gesenktem Kopf saß ich vor meinem Teller, so dass meine Nasenspitze fast in das Essen tauchte und schaute nicht rechts oder links. Ich schämte mich fürchterlich, konnte mich aber trotzdem nicht überwinden, einen Bissen zu nehmen. Wenn dann eine der Nonnen verkündete: „Alle lieben Kinder, die ihren Teller brav leer gegessen haben, dürfen jetzt zum Händewaschen aufstehen und noch solange spielen, bis die letzten fertig sind“ wünschte ich mir eine Fee würde erscheinen und mich vom Tisch fortzaubern. Es gab nämlich nur eine letzte und das war ich. Und ich saß auch dann noch vor meinem Teller, als die anderen Kinder bereits im Schlafraum ihren Mittagsschlaf hielten.
Anfangs versuchten die Nonnen mich zum Essen zu überreden, indem sie eine kleine Seife oder ein Hauchbildchen neben meinen Teller auf den Tisch legten: „Wenn Du brav aufisst, darfst du diese schöne Seife mitnehmen.“ Ich wollte weder eine Seife noch sonst etwas, ich wollte, dass sie den Teller wegnahmen. Diese „Bestechungsversuche“ verwandelten sich bald in Drohungen: „Wenn du jetzt nicht sofort deinen Teller leer isst, stellst du dich bis zum Abend im Waschraum in die Ecke.“ – „Wenn du nicht augenblicklich deinen Mund aufmachst, lege ich dich übers Knie.“ Manchmal versuchten Sie mich zum Essen zu zwingen, indem sie mir einen gehäuften Löffel in den Mund zwängten, wobei sie mit dem harten Metall gegen meine Zähne stießen. Wenn sie sehr gemein waren, hielten sie mir die Nase zu und sobald ich mit offenem Mund Luft holte, steckten sie mir schwupps einen vollen Löffel in den Mund. In solchen Situationen fing ich lauthals zu Schreien an und spuckte das Zeug wieder aus. Da passierte es schon mal, dass eine Hand in mein Gesicht klatschte. Wütend biss ich die Zähne zusammen und versuchte nicht zu weinen. Essen, konnte ich dann schon gar nicht mehr. Fast täglich beschwerten sie sich bei meiner Oma, ich wäre ein sehr ungezogenes Kind, das seinen Teller niemals leer isst.
Manche sehen nun wohl ein spindeldürres, abgemagertes Kind vor sich. Das war ich jedoch nicht, zwar dünn aber nicht mager. Ich habe sehr wohl gegessen, aber halt dann, wenn ich Hunger hatte und nicht wenn der Gong zum Essen rief und, das gebe ich gerne zu, nicht alles was mir so hingestellt wurde.
Ich will auch in keinem Fall die Nonnen des Kindergartens als Monster hinstellen. Die meisten waren wirklich sehr liebevoll zu uns Kindern. Es gab halt zwei oder drei, die, gesehen durch meine Kinderaugen, böse, gehässig, sadistisch, oder wie auch immer man das ausdrücken möchte, veranlagt waren.
11 lange Jahre musste ich die Drohungen über mich ergehen lassen. Von meiner Oma, im Kindergarten und später im Kinderhort. Besonderen Ekel hatte ich vor vielen Mehl- und Milchspeisen wie Griesbrei, Griesschnitten, Reisauflauf, Reisbrei, Nudeln in süßer Milch, aber auch vor fettem Fleisch (wobei Fleisch eher selten auf dem Speiseplan stand) und ungetoasteten Toastschnitten mit Mettwurst. Sobald ich hörte, dass eines dieser Gericht auf den Tisch kam, jagten mir Schauer über den Rücken.
Dann sind wir umgezogen. Endlich hatten meine Mutter, mein Bruder und ich eine eigene Wohnung. Meine Mutter kochte eigentlich fast immer das, was auch mir schmeckte. Trotzdem hatte ich niemals ein „normales“ Verhältnis zum Essen. Nach der Schule gingen wir nun nach Hause und wärmten uns das von Mutti vorgekochte Essen auf. Für mich war das sehr praktisch, denn wenn ich nichts essen wollte, warf ich es kurzerhand in den Mülleimer. Dabei musste ich sehr aufpassen, dass mein Brüderchen nichts davon merkte. Ich erinnere mich noch an einen Abend als er meiner Mutter steckte, dass mein Mittagessen im Müll liegt. Ich bekam keine Schläge, aber meine Mutter war sehr traurig, als sie sagte: „Ich arbeite den ganzen Tag, spare an allen Ecken und Enden, damit ich uns drei durchbringe, stelle mich abends noch hin und koche für euch und du wirfst dein Essen in den Müll.“ Das gab mir wirklich zu denken, da ich meine Mutter sehr liebte und glücklich war, dass wir unsere eigene Wohnung hatten. Trotzdem änderte sich an meinem Essverhalten nicht viel.
Bis zu meiner Schwangerschaft, ich war erst 19 Jahre alt als mein Sohn geboren wurde. Vor der Schwangerschaft wog ich bei einer Größe von 167 cm 58 kg und in den letzten Schwangerschaftstagen brachte ich satte 90 kg auf die Waage.
Das Blatt hatte sich also gedreht, aus dem bockigen, bösen, nicht essen wollenden Kind wurde ein aufgeschlossener, braver, alles verschlingender Vielfraß. – Aber das ist eine andere Geschichte.
Von den verhassten Gerichten meiner Kindheit sind mir bis heute Griesbrei, Griesschnitten, Reisauflauf, Nudeln in süßer Milch und fettes Fleisch ein Greuel!
by Samana
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