Opa
Veröffentlicht: 14.09.2008 um 01:35 von Jeaness
Ihr Opa ist tot.
Ihr Opa ist tot, tot- mit “t”... nicht mit “d”.
Es ist ein Adjektiv. Was bedeutet Adjektiv? Was bedeutet “tot” . Ein Adjektiv beschreibt die Beschaffenheit von etwas. Aber kann die Person irgendwie beschaffen sein? Sie ist schließlich nicht mehr vorhanden, sie ist nicht mehr unter uns. Physisch zumindest nicht.....
Sie redet nicht gern. Sie möchte nicht über ihre Gefühle reden. Sie hat viele Menschen um sich, mit denen sie es könnte, aber sie lebt im Stillen. Zurückgezogen, alleine, aber nicht einsam.
Als sie ihre Emails abrief, kam eine Email von ihrem Onkel.
“Weißt du, dass es Opa schlecht geht?”
Nein, wusste sie nicht. Er ist gerade 77 geworden, ein gutes Alter, ein stolzes Alter. Aber eben noch nicht alt genug. Alterserscheinungen sind doch normal mit 77.
“Nein, ruf deine Mutter an, sie wird es dir erzählen.”
Das brauchte sie gar nicht. Ihr Telefon klingelte. Sie fragte, was mit Opa ist.
Die Mutter war erstaunt, über die Frage. “Er ist im Krankenhaus.” Er wurde von ihrem Onkel gefunden. Im Badezimmer. Ganz kalt. Was es ist, wissen die Ärzte nicht. Er ist nicht ansprechbar.
Sie legten auf.
Das wird schon wieder. Es gibt keinen Grund, warum es ihm bald nicht wieder besser gehen sollte. Schließlich hat er eine Woche vorher seinen Geburtstag mit seiner Familie gefeiert. Über das geschenkte Brillenetui hat er sich gefreut, hat es gleich in seiner Hemdbrusttasche aufbewahrt.
Opa soll ins Pflegeheim, in dem Dorf ihrer Mutter. Dort würde er es gut haben. Er liebt die Natur.
Aber er wollte nicht ins Pflegeheim. Er wollte nicht gepflegt werden. Er wollte ohne großen Aufhebens Abschied von der Welt nehmen. Nun ist er im Wachkoma. Und im Pflegeheim.
Freitag, die Mutter ruft auf dem Handy an. Mit zitternder Stimme “Opa ist gestorben”
Nein, das kann doch nicht. Das darf nicht. Er darf nicht von uns gegangen sein. “Es war besser so...
Willst du dich von ihm verabschieden?”
Natürlich wollte sie.
Sie legte auf. Nein, Weinen geht jetzt nicht, sie musst stark sein. Für ihre Mutter, ihre Familie, aber sie konnte nicht. Sie rief ihren Freund an. Die Tränen rannen übers Gesicht “Maus, ich bin in 1 ½ Stunden da”.
Sie musste zur Bank. Wichtige Überweisungen abgeben. Ja, sie müssen heute noch raus. Sonst ist es zu spät.
Bei ihren Eltern, beide Onkels redeten mit ihrer Mutter. Wie soll was gemacht werden? Organisiert werden? Braucht man jetzt schon die Kleidung für die Beerdigung? Anzug und Socken hat der Onkel schon mit. Aber Unterwäsche fehlt. Sie fuhr mit ihrer Schwester ins Pflegeheim. Es war ein kleines Zimmer. Hell, mitten im Leben des Heimes, das Bild mit den Urenkeln stand auf dem Nachttisch. Das Küchenradio der Mutter stand daneben. Der zum Geburtstag geschenkte Rasierer im Schrank. Eine Unterhose, ein Hemd und ein T-Shirt haben sie eingepackt. Der Name stand noch auf dem Namensschild.
Alle fuhren ins Krankenhaus.
Im 4ten Stock, oder noch weiter oben? Die Kinder von Opa sollten zuerst rein. Die Schwester schließt die Tür zum Tagesraum auf. Tagesraum. Weil er hier nur einen Tag liegt? Weil es eigentlich der Aufenthaltsraum war? Sie wusste es nicht.
Alle laufen hinter der Schwester her. Es war nur ein Raum, alle sahen ihn sofort dort liegen. Dünn unter dem Bettzeug. Ein Handtuch über dem Mund. “Das Gebiss ist nicht drin. Der Mund ist von den Schläuchen trocken. “Wir wollten, dass ihr ihn so in Erinnerung habt, wie er war.” sagt die Mutter.
Er liegt friedlich da. Er schläft. Blass, aber nicht ungesund. Die grauen Haare hat er wie immer. Er sieht jünger aus. Kaum Falten, es ist, als wäre alle Last von ihm gegangen. Er sieht zufrieden aus. Als sie mit ihren Geschwistern alleine in dem Raum ist, reden sie über ihn. Es waren tolle Ferien bei ihm. Bis 3 Uhr schlafen, Süßigkeiten in dem 400 Meter weit entfernten Laden gekauft. Bis nachts fern gesehen. Nachts sind sie immer in die Küche geschlichen und haben dicke Käsescheiben mit dem Schneidegerät abgeschnitten. “Dunkelbier” gab es immer. Alle Versuche, ihm beizubringen, dass es Malzbier heißt, haben nichts gebracht.
“Was er jetzt wohl macht?” fragt die Schwester.
Was wohl, es steht ein Ferneseher in seinem Zimmer. “Er wird die Tagesschau schauen.” sagt der Bruder. Der Fernseher im Tagesraum ist nicht angeschlossen. Aber Strom braucht Opa nicht, um Tagesschau zu schauen. Nichts konnte ihn davon abhalten, die Tagesschau zu schauen.
Zum Abschied legen sie und ihre Geschwister die Hand auf seine Hände. Sie streichelt ihm am Kopf. Durch die Haare. Die Haut ist schon hart geworden. Sie fühlte das durch die Haare.
Sie übernachtete bei ihrer Mutter. Sie redeten lange. Die Mutter erzählte von ihm und dass sie im Tagesraum nicht den Kamm gefunden hat. Sie wollte ihm die Haare kämmen. So wie er es immer machte. Der Kamm war immer in seiner Brusttasche. Sie sagte ihr, Opa wolle nicht, dass die Mutter den Kamm findet, sie und ihre Schwester haben ihn gestreichelt. Opa wollte nicht, dass die Haare wieder gekämmt werden. Er wollte das Gefühl des Streichelns mitnehmen.
Aus dem Tagesraum draußen, fand sie den Kamm sofort in ihrer Handtasche.
Die Beerdigung soll Freitag sein. Sie verdrängt es. Nein, Beerdigung... Das ist ein Familientreffen. Sie freut sich drauf. Alle wiederzusehen. Die ganze Familie. Zusammen sitzen, klönen, essen. Das wird schön.
Die Autofahrt ist lang. Sonst dauert sie nicht so lang. Die Mutter ist schon einen Tag vorher hingefahren. Der Onkel hat Geburtstag. Sie möchte auch noch mit dem Pastor reden.
Das Haus von Opa... Es ist leer. Kalt. Es steht ein Bild von ihm auf der Kommode im Wohnzimmer. Alle machen sich fertig. Es ist Zeit.
Sie fahren zum Friedhof.
Vor der Kapelle bekommt jede Frau ein rote Rose. Es sind zu viele. Auch die Männer bekommen eine. Es geht los. Sie setzt sich neben ihre Schwester und die Freundin ihres Bruders. Die rote Rose in den Händen. Das schwarze Geschenkband, was um die Rose gebunden war, bindet sie sich um ihre Finger. Bloß nicht loslassen, nicht weglegen. Die Rose ist wichtig.
Die Glocken fangen an zu läuten. Sie will raus. Sie will nicht dort sitzen und trauern. Es gibt nichts zu betrauern. Es ist nichts passiert. Alles ist wie immer.
Der Sarg ist schön. Braun. Mit Verzierungen. Viele Kränze liegen dort. Weiß, rosa, rot, gelb. Ihm hätte das gefallen. Er wäre glücklich. Er liebte Blumen. Er liebte die Natur. Pflanzen, Sträucher, Bäume, Blumen. Ihm hätte das gefallen.
Das Herz bebte. Es war im ganzen Körper zu spüren. Sie streichelte die Rose. Die Rose ist wichtig. Die Schwester schluchzte.
Fünf Minuten sollte die Glocke läuten. Es waren kurze 5 Minuten. Warum konnte die Glocke nicht länger läuten? Warum hat sie aufgehört? Warum verstummte sie?
Warum redete der Pastor dort? Was redete er? Er begrüßte alle. Wir sangen. Sie traute sich kaum.
“In ein paar Jahrzehnten wird sich keiner mehr an ihn erinnern. In ein paar Jahrzehnten wird sich keiner mehr an alle hier erinnern.”
Was redet er da? Wieso wird sich keiner mehr an ihn erinnern? SIE wird sich an ihn erinnern. Seine Freunde, seine Bekannte, seine Familie. Warum wird sich keiner mehr an mich später erinnern? Hat sie selbst umsonst gelebt? Hat sie selbst gar nicht gelebt?
“Jesu Christi hat alle Qualen auf sich genommen, damit wir sterben können. Er ist wieder auferstanden, damit wir leben und sterben können.”
Sie ist christlich erzogen. Sie fragt sich, ob der Pastor alle bekehren will. Es wird sich keiner mehr an Opa erinnern, aber an Jesu Christi soll man sich erinnern. Man selbst wird in Vergessenheit geraten, aber Jesu Christi ist immer da.
“Vater unser im Himmel...” Wenn das Gebet zu Ende ist, dann ist es soweit. Das letzte Geleit. Die Männer mit den Fräcken und den Zylindern kommen in die kleine Kapelle. Ihre Tränen laufen. Einer schaut sie mitleidvoll an. Spricht ihr im Vorbeigehen ohne Worte das Beileid aus. Der Sarg wird an ihr vorbeigefahren. Die Tränen laufen. Weint sie alleine? Warum schluchzt keiner? Sie gehen hinterher. Draußen scheint die Sonne. Es ist keine Wolke am Himmel. Es windet stark. Es ist sehr hell und es scheint, als sei alles in Ordnung. Wie lächerlich die Tränen erscheinen. Wie lächerlich eine Beerdigung erschient bei Sonnenschein. Warum regnet es nicht? Warum stürmt, schneit, hagelt es nicht? Warum gehen alle hinter dem Sarg her? Warum schreit keiner Halt? Warum hält das jetzt niemand auf?
Sie streichelt die Rose. Die Rose ist wichtig.
Der Sarg wird heruntergelassen. Die letzten Worte des Pastors.
Die Mutter geht ans Grab, schmeißt noch Sand und die rote Rose hinunter. Auch die Onkels. Ihr Vater und ihre Tante. Ihr Bruder mit seiner Freundin. Er schmeißt kein Sand. Auch die Schwester nicht. Sie hat selber Blumen mitgebracht. Auch eine Karte. Beides landet unten.
Sie selbst geht an das Grab. Sie hatte die Rose schon geküsst. Die Rose ist wichtig. Sie landet direkt auf dem Sarg. Sie schmeißt keinen Sand. Sie will nicht auch noch helfen, dass Opa unter der Erde liegt. Die Rose reicht. Er liebte Blumen. Sie wird mit ihm dort unten liegen. Sie wird bei ihm sein. Sie wird auf ihn aufpassen. So lange sie eben kann.
Beileidsbekundungen.
Sie lächelt, nimmt die Schwester in den Arm, hält die Tränen zurück. Der große Baum wird auf ihn aufpassen, der nur ein paar Meter entfernt ist. Er wird ihn vor Regen und Sturm schützen. Das kleine Vogelhäuschen wird ihm Freude bereiten. Das Vogelgezwitscher wird ihn an seinen Garten erinnern. Mit seinen Apfelbäumen, Traubenstöcken, Tomaten und Erdbeerfeldern. Hier wird er es gut haben. Direkt neben seiner Mutter.
Sie fahren zum Kaffee und Kuchen essen. Brote gibt es auch. Sie isst ein Schinkenbrot. Opa liebte Schinkenbrot.
Ihr Opa ist tot, tot- mit “t”... nicht mit “d”.
Es ist ein Adjektiv. Was bedeutet Adjektiv? Was bedeutet “tot” . Ein Adjektiv beschreibt die Beschaffenheit von etwas. Aber kann die Person irgendwie beschaffen sein? Sie ist schließlich nicht mehr vorhanden, sie ist nicht mehr unter uns. Physisch zumindest nicht.....
Sie redet nicht gern. Sie möchte nicht über ihre Gefühle reden. Sie hat viele Menschen um sich, mit denen sie es könnte, aber sie lebt im Stillen. Zurückgezogen, alleine, aber nicht einsam.
Als sie ihre Emails abrief, kam eine Email von ihrem Onkel.
“Weißt du, dass es Opa schlecht geht?”
Nein, wusste sie nicht. Er ist gerade 77 geworden, ein gutes Alter, ein stolzes Alter. Aber eben noch nicht alt genug. Alterserscheinungen sind doch normal mit 77.
“Nein, ruf deine Mutter an, sie wird es dir erzählen.”
Das brauchte sie gar nicht. Ihr Telefon klingelte. Sie fragte, was mit Opa ist.
Die Mutter war erstaunt, über die Frage. “Er ist im Krankenhaus.” Er wurde von ihrem Onkel gefunden. Im Badezimmer. Ganz kalt. Was es ist, wissen die Ärzte nicht. Er ist nicht ansprechbar.
Sie legten auf.
Das wird schon wieder. Es gibt keinen Grund, warum es ihm bald nicht wieder besser gehen sollte. Schließlich hat er eine Woche vorher seinen Geburtstag mit seiner Familie gefeiert. Über das geschenkte Brillenetui hat er sich gefreut, hat es gleich in seiner Hemdbrusttasche aufbewahrt.
Opa soll ins Pflegeheim, in dem Dorf ihrer Mutter. Dort würde er es gut haben. Er liebt die Natur.
Aber er wollte nicht ins Pflegeheim. Er wollte nicht gepflegt werden. Er wollte ohne großen Aufhebens Abschied von der Welt nehmen. Nun ist er im Wachkoma. Und im Pflegeheim.
Freitag, die Mutter ruft auf dem Handy an. Mit zitternder Stimme “Opa ist gestorben”
Nein, das kann doch nicht. Das darf nicht. Er darf nicht von uns gegangen sein. “Es war besser so...
Willst du dich von ihm verabschieden?”
Natürlich wollte sie.
Sie legte auf. Nein, Weinen geht jetzt nicht, sie musst stark sein. Für ihre Mutter, ihre Familie, aber sie konnte nicht. Sie rief ihren Freund an. Die Tränen rannen übers Gesicht “Maus, ich bin in 1 ½ Stunden da”.
Sie musste zur Bank. Wichtige Überweisungen abgeben. Ja, sie müssen heute noch raus. Sonst ist es zu spät.
Bei ihren Eltern, beide Onkels redeten mit ihrer Mutter. Wie soll was gemacht werden? Organisiert werden? Braucht man jetzt schon die Kleidung für die Beerdigung? Anzug und Socken hat der Onkel schon mit. Aber Unterwäsche fehlt. Sie fuhr mit ihrer Schwester ins Pflegeheim. Es war ein kleines Zimmer. Hell, mitten im Leben des Heimes, das Bild mit den Urenkeln stand auf dem Nachttisch. Das Küchenradio der Mutter stand daneben. Der zum Geburtstag geschenkte Rasierer im Schrank. Eine Unterhose, ein Hemd und ein T-Shirt haben sie eingepackt. Der Name stand noch auf dem Namensschild.
Alle fuhren ins Krankenhaus.
Im 4ten Stock, oder noch weiter oben? Die Kinder von Opa sollten zuerst rein. Die Schwester schließt die Tür zum Tagesraum auf. Tagesraum. Weil er hier nur einen Tag liegt? Weil es eigentlich der Aufenthaltsraum war? Sie wusste es nicht.
Alle laufen hinter der Schwester her. Es war nur ein Raum, alle sahen ihn sofort dort liegen. Dünn unter dem Bettzeug. Ein Handtuch über dem Mund. “Das Gebiss ist nicht drin. Der Mund ist von den Schläuchen trocken. “Wir wollten, dass ihr ihn so in Erinnerung habt, wie er war.” sagt die Mutter.
Er liegt friedlich da. Er schläft. Blass, aber nicht ungesund. Die grauen Haare hat er wie immer. Er sieht jünger aus. Kaum Falten, es ist, als wäre alle Last von ihm gegangen. Er sieht zufrieden aus. Als sie mit ihren Geschwistern alleine in dem Raum ist, reden sie über ihn. Es waren tolle Ferien bei ihm. Bis 3 Uhr schlafen, Süßigkeiten in dem 400 Meter weit entfernten Laden gekauft. Bis nachts fern gesehen. Nachts sind sie immer in die Küche geschlichen und haben dicke Käsescheiben mit dem Schneidegerät abgeschnitten. “Dunkelbier” gab es immer. Alle Versuche, ihm beizubringen, dass es Malzbier heißt, haben nichts gebracht.
“Was er jetzt wohl macht?” fragt die Schwester.
Was wohl, es steht ein Ferneseher in seinem Zimmer. “Er wird die Tagesschau schauen.” sagt der Bruder. Der Fernseher im Tagesraum ist nicht angeschlossen. Aber Strom braucht Opa nicht, um Tagesschau zu schauen. Nichts konnte ihn davon abhalten, die Tagesschau zu schauen.
Zum Abschied legen sie und ihre Geschwister die Hand auf seine Hände. Sie streichelt ihm am Kopf. Durch die Haare. Die Haut ist schon hart geworden. Sie fühlte das durch die Haare.
Sie übernachtete bei ihrer Mutter. Sie redeten lange. Die Mutter erzählte von ihm und dass sie im Tagesraum nicht den Kamm gefunden hat. Sie wollte ihm die Haare kämmen. So wie er es immer machte. Der Kamm war immer in seiner Brusttasche. Sie sagte ihr, Opa wolle nicht, dass die Mutter den Kamm findet, sie und ihre Schwester haben ihn gestreichelt. Opa wollte nicht, dass die Haare wieder gekämmt werden. Er wollte das Gefühl des Streichelns mitnehmen.
Aus dem Tagesraum draußen, fand sie den Kamm sofort in ihrer Handtasche.
Die Beerdigung soll Freitag sein. Sie verdrängt es. Nein, Beerdigung... Das ist ein Familientreffen. Sie freut sich drauf. Alle wiederzusehen. Die ganze Familie. Zusammen sitzen, klönen, essen. Das wird schön.
Die Autofahrt ist lang. Sonst dauert sie nicht so lang. Die Mutter ist schon einen Tag vorher hingefahren. Der Onkel hat Geburtstag. Sie möchte auch noch mit dem Pastor reden.
Das Haus von Opa... Es ist leer. Kalt. Es steht ein Bild von ihm auf der Kommode im Wohnzimmer. Alle machen sich fertig. Es ist Zeit.
Sie fahren zum Friedhof.
Vor der Kapelle bekommt jede Frau ein rote Rose. Es sind zu viele. Auch die Männer bekommen eine. Es geht los. Sie setzt sich neben ihre Schwester und die Freundin ihres Bruders. Die rote Rose in den Händen. Das schwarze Geschenkband, was um die Rose gebunden war, bindet sie sich um ihre Finger. Bloß nicht loslassen, nicht weglegen. Die Rose ist wichtig.
Die Glocken fangen an zu läuten. Sie will raus. Sie will nicht dort sitzen und trauern. Es gibt nichts zu betrauern. Es ist nichts passiert. Alles ist wie immer.
Der Sarg ist schön. Braun. Mit Verzierungen. Viele Kränze liegen dort. Weiß, rosa, rot, gelb. Ihm hätte das gefallen. Er wäre glücklich. Er liebte Blumen. Er liebte die Natur. Pflanzen, Sträucher, Bäume, Blumen. Ihm hätte das gefallen.
Das Herz bebte. Es war im ganzen Körper zu spüren. Sie streichelte die Rose. Die Rose ist wichtig. Die Schwester schluchzte.
Fünf Minuten sollte die Glocke läuten. Es waren kurze 5 Minuten. Warum konnte die Glocke nicht länger läuten? Warum hat sie aufgehört? Warum verstummte sie?
Warum redete der Pastor dort? Was redete er? Er begrüßte alle. Wir sangen. Sie traute sich kaum.
“In ein paar Jahrzehnten wird sich keiner mehr an ihn erinnern. In ein paar Jahrzehnten wird sich keiner mehr an alle hier erinnern.”
Was redet er da? Wieso wird sich keiner mehr an ihn erinnern? SIE wird sich an ihn erinnern. Seine Freunde, seine Bekannte, seine Familie. Warum wird sich keiner mehr an mich später erinnern? Hat sie selbst umsonst gelebt? Hat sie selbst gar nicht gelebt?
“Jesu Christi hat alle Qualen auf sich genommen, damit wir sterben können. Er ist wieder auferstanden, damit wir leben und sterben können.”
Sie ist christlich erzogen. Sie fragt sich, ob der Pastor alle bekehren will. Es wird sich keiner mehr an Opa erinnern, aber an Jesu Christi soll man sich erinnern. Man selbst wird in Vergessenheit geraten, aber Jesu Christi ist immer da.
“Vater unser im Himmel...” Wenn das Gebet zu Ende ist, dann ist es soweit. Das letzte Geleit. Die Männer mit den Fräcken und den Zylindern kommen in die kleine Kapelle. Ihre Tränen laufen. Einer schaut sie mitleidvoll an. Spricht ihr im Vorbeigehen ohne Worte das Beileid aus. Der Sarg wird an ihr vorbeigefahren. Die Tränen laufen. Weint sie alleine? Warum schluchzt keiner? Sie gehen hinterher. Draußen scheint die Sonne. Es ist keine Wolke am Himmel. Es windet stark. Es ist sehr hell und es scheint, als sei alles in Ordnung. Wie lächerlich die Tränen erscheinen. Wie lächerlich eine Beerdigung erschient bei Sonnenschein. Warum regnet es nicht? Warum stürmt, schneit, hagelt es nicht? Warum gehen alle hinter dem Sarg her? Warum schreit keiner Halt? Warum hält das jetzt niemand auf?
Sie streichelt die Rose. Die Rose ist wichtig.
Der Sarg wird heruntergelassen. Die letzten Worte des Pastors.
Die Mutter geht ans Grab, schmeißt noch Sand und die rote Rose hinunter. Auch die Onkels. Ihr Vater und ihre Tante. Ihr Bruder mit seiner Freundin. Er schmeißt kein Sand. Auch die Schwester nicht. Sie hat selber Blumen mitgebracht. Auch eine Karte. Beides landet unten.
Sie selbst geht an das Grab. Sie hatte die Rose schon geküsst. Die Rose ist wichtig. Sie landet direkt auf dem Sarg. Sie schmeißt keinen Sand. Sie will nicht auch noch helfen, dass Opa unter der Erde liegt. Die Rose reicht. Er liebte Blumen. Sie wird mit ihm dort unten liegen. Sie wird bei ihm sein. Sie wird auf ihn aufpassen. So lange sie eben kann.
Beileidsbekundungen.
Sie lächelt, nimmt die Schwester in den Arm, hält die Tränen zurück. Der große Baum wird auf ihn aufpassen, der nur ein paar Meter entfernt ist. Er wird ihn vor Regen und Sturm schützen. Das kleine Vogelhäuschen wird ihm Freude bereiten. Das Vogelgezwitscher wird ihn an seinen Garten erinnern. Mit seinen Apfelbäumen, Traubenstöcken, Tomaten und Erdbeerfeldern. Hier wird er es gut haben. Direkt neben seiner Mutter.
Sie fahren zum Kaffee und Kuchen essen. Brote gibt es auch. Sie isst ein Schinkenbrot. Opa liebte Schinkenbrot.
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