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Alt 21.09.2006, 10:22
molli-maus
Gast
 
Beiträge: n/a
RAT EINER MUTTER AN ALLE MÜTTER

Hallo,

ich bin neu in diesem Forum und habe mit Neugier die Beiträge hilfloser Mütter gelesen, deren Kinder "zu" dick sind.

Ich möchte euch einen kleinen Einblick in meine Lebensgeschichte gewähren und hoffe, dass ich euch hilfreiche Tipps geben kann, wie ihr mit euren Kindern in Zukunft umgehen könnt.

Ich war als Kind NICHT dick, aber es wurde mir immer suggeriert. Meine Schwester war immer das Püppchen und ich bekam ständig zu hören, dass ich der stabile Typ sei. Ich wollte aber nie der stabile Typ sein und irgendwann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Ich sah im Fernsehen einen Bericht über Bulimie. Da ich eh ständig versuchte mein Gewicht zu reduzieren (dies war mein schlimmster Fehler), war der Bericht über Bulimie DIE Lösung für mich.

Schnell wurde die Bulimie zu meiner besten Freundin. Ich muß dazu sagen, dass die Bulimie bei mir in Schüben auftrat. Ich wehrte mich gegen sie, denn ich wollte es mit Disziplin schaffen abzunehmen. Ich habe von extremem Übergewicht (wegen Fressattacken) bis schlank sein (dünn war ich nie) alles durch. Anerkennung bekam ich nur, wenn ich mal wieder schlank war.

Ich habe gelitten wie ein Tier, denn meine beste Freundin (Bulimie) wurde irgendwann zu meiner größten Feindin. Ich fraß, ich kotzte, ich heulte. Ich war irgendwann an dem Punkt, dass mich der ständige Gedanke ans Essen wahnsinnig machte. Jeder Tag drehte sich nur darum was ich esse, ob ich esse, wo, wie, wann, warum.....

Mir ging es psychisch so schlecht, dass ich an Selbstmord dachte. Ich wollte nicht fett sein, ich hasste mich, selbst als mir bestätigt wurde dass ich schlank sei fand ich mich fett und hässlich. Mein Spiegelbild hatte sich verzerrt und ich hatte keine Liebe mehr für mich übrig. Die Wende kam, als ich mit dem Gedanken spielte mich und meine Kinder umzubringen. Die Kinder deshalb, weil ich dachte, dass es niemanden gibt, der sie besser durchs Leben bringen kann als ich. Dieser Gedanke erschreckte mich so sehr, dass ich mich für eine Therapie entschied.

Zwischenzeitlich hatte ich mir aber noch Fett absaugen lassen. Nach der OP weinte ich auch, weil ich mich immer noch fett fühlte.

Lange Rede kurzer Sinn, ich begann eine Gruppentherapie mit anderen essgestörten Frauen (Magersucht, Bulimie und Fettsucht). 2 Jahre mit Höhen und Tiefen. Ich habe es geschafft meine Bulimie zu besiegen. Ich habe nun Übergewicht, was mich zwar nicht glücklich macht, aber es haut mich schon lange nicht mehr um. Ich habe gelernt mich so zu lieben wie ich bin. Essen ist nicht mehr mein Feind, sondern Genuß. Ich bin mir meiner selbst bewußt und kenne meine Stärken und Schwächen.

Mein Sohn kommt vom Körperbau nach der Familie meines Mannes. Er kann essen was er will, er ist ein Leichtgewicht. Meine Tochter hat meine Veranlagung und nimmt schnell zu. Ich gebe zu, dass ich meine Tochter im Auge behalte. Ich möchte mit aller Macht verhindern, dass sie das gleiche Schicksal erleidet wie ich. Leider sieht die Realität anders aus. Sie ist im 3. Schuljahr und die Mädels treten schon in Konkurrenz mit dem Gewicht.

Es gibt knallharte Regeln in meinem Haus. Über Diät wird nicht gesprochen. Es wird auch niemals erwähnt, dass man/frau zu dick wird, wenn zu sehr zugelangt wird. Meine Tochter ist eine Naschkatze (sie ist jedoch schlank) und genau da setze ich an. Es gibt bei uns keine Süßigkeiten im Schrank. Am Wochenende bringe ich ein paar Kleinigkeiten mit (jeder sagt, was er haben möchte und dies ohne Limit) und wir machen uns einen schönen Familienabend mit Filmen und Leckereien. Meine Tochter liebt Camembert und Mozzarella, ich kaufe die Magerversion. Meine Kinder lieben Obst und Gemüse, also habe ich immer was im Haus und wir "schnibbeln" uns alles mundgerecht zusammen.

Jedes Kind durfte sich aussuchen welche Sportart es ausüben möchte und ich habe sie in entsprechende Vereine angemeldet. Ich bin selbst von Natur aus eine faule Socke, aber ich hebe mich aus dem Sofa und treibe mit den Kindern Sport. Wir spielen mit Papa Fußball, wir machen Spaziergänge und fahren Fahrrad. Wir faulenzen auch. Alles fließt locker in den Alltag ein, mal mehr mal weniger, aber immer ohne Stress und Zwang.

Wir sind keine super duper Familie, wir sind nicht viel anders als Andere, aber ich bin eine Mutter, die krank war und ist. Hätte ich ein gesundes Verhältnis zum Essen, hätte ich kein Übergewicht. Ich sehe es aber als großen Vorteil an, dass ich die Esstörung am eigenen Leib und in brustalster Weise erlebt habe. Ich habe schon zig Mütter über die Figur ihrer Töchter und über die Figuren anderer Kinder tratschen hören. Was mich aber wütend macht sind die Mütter, die schon bei ihren Babys an Diät denken, weil sie der Meinung sind, dass ihr Baby zu viel Speck hat.

Ich kann nur allen Mütter raten mit ihren Kindern zu sprechen. Hört euch ihre Sorgen an und überlegt gut wie ihr darauf eingeht und antwortet. Meine Tochter findet ihren Bauch zu dick, ihre Beine hässlich und und und. Mein Sohn weint weil er wegen seiner Sommersprossen und seiner Größe (er ist der Kleinste in der Klasse) gehänselt wird.

Als Mutter leidet man mit und ich sage ihnen auch, dass ich sie verstehe. Ich erzählte ihnen, wie ich als Kind gehänselt wurde und wie weh das tat. Ich erklärte ihnen, dass es immer einen Grund zum hänseln gibt, wenn man ihn denn finden will. Bei dem einen sind es die Ohren, beim anderen die Nase und und und. Ich sagte ihnen dass hänselnde Menschen unwichtig sind, denn wenn man von einem Menschen geliebt und gemocht wird, ist das Aussehen völlig unwichtig. Ich habe ihnen Beispiele aus dem eigenen Freundeskreis aufgezeigt. Nur die Menschen, die man lieb hat und die einen lieb haben sind wichtig, denn diese Menschen halten zu einem, egal was passiert.

Ich kann nur versuchen (und dies sollten alle Mütter tun) meinen Kindern Stärke und Selbstvertrauen zu geben. Mein Sohn kann super schnell rennen und ich habe ihm klar gemacht, dass dies eine große Stärke von ihm ist und genau dafür erhält er von seinen Klassenkameraden große Anerkennung. Der Kleinste der Klasse läuft allen davon. Er ist ein sehr hilfbereiter Junge und deshalb sehr beliebt. Meine Tochter ist auch sehr beliebt und wird oft eingeladen. Ich sagte ihr, dass es ein Zeichen von Beliebtheit ist, wenn sie eingeladen wird. Würde man sie nicht so mögen wie sie ist, würde sie nicht eingeladen werden.

Meine Tochter und ich machen uns hin und wieder einen Mutter Tochter Tag (sie ist . Wir gehen bummeln, wir rühren uns eine Quark-Honig-Maske an und genießen ein "Schönheitsbad" mit Kerzenlicht. Ich berücksichtige ihre Wünsche beim Kleidungskauf und sage ihr wie toll sie in ihren neuen Sachen aussieht. Lob und Anerkennung und eine gesunde Portion Kritik, wenn sie übers Ziel hinaus schießen.

Ich gebe meinen Kinder das, was ich nie hatte. Ich sage und zeige ihnen, dass ich sie liebe. sie so liebe wie sie sind. Ich machen ihnen klar, dass es nicht wichtig für mich ist, wenn andere Leute ihnen sagen, dass ihre Mutter dick ist. Ich sage ihnen, dass mich die Menschen glücklich machen und mir wichtig sind, die mich so lieben wie ich bin. Mehr kann ich nicht tun. Ich kann versuchen ihnen starke Wurzeln mitzugeben und hoffen, dass sie sich selbst mögen. Sich selbst lieb zu haben ist der beste Schutz gegen alle Oberflächlichkeiten dieser Welt. Seine "Makel" als einen Teil des eigenen ICH´s zu sehen.

Wer Diät machen will, der soll es tun. Wer zu "dicke" Kinder hat, sollte sicherlich ein Auge darauf haben. Macht dies aber nicht zum sichtbaren Mittelpunkt eures Lebens und zum Mittelpunkt eures Familienfriedens. Kocht gesund, sagt aber nicht dass ihr es wegen einer Diät macht. Ihr habt einfach Lust auf einen leckeren Salat. Sagt euren "dicken" Kindern dass ihr Lust habt schwimmen zu gehen und euch freuen würdet, wenn sie mit kämen. Einfach nur, weil es zu zweit viel mehr Spaß macht. Sollen sie doch ruhig einen Freund oder Freundin mitnehmen. Geht in den Zoo, ins Kindermuseeum oder macht sonst was. Das lenkt vom Essen ab, schafft Bewegung. Laßt euch was einfallen, aber bitte nie mit dem Satz dass es wegen einer Diät oder weil das Kind zu dick ist.

Treibt eure Kindern nicht in eine Esstörung !!!!
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Alt 21.09.2006, 11:16
Benutzerbild von Lorian
Moderator
 
Registriert seit: 30.05.2004
Ort: da wo Du nicht hin kommst
Beiträge: 12.878
Blog-Einträge: 22
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Ein guter und wichtiger Beitrag!

__________________
Liebe Grüße sendet Lorian

oder nennt mich Thalia
Thalia, eine der drei Göttinnen der Anmut
und Trägerin des Naschkatzenorden 1. Klasse am Bande
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  #3 (permalink)  
Alt 21.09.2006, 11:28
Benutzerbild von julitschka
Naschkatzen Goldi
 
Registriert seit: 07.06.2005
Beiträge: 21.746
Blog-Einträge: 763
Geschlecht:
sehe ich genauso; einer der wenigen langen beiträge, die ich gelesen habe, ohne passagen zu überfliegen.
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  #4 (permalink)  
Alt 22.09.2006, 14:38
Der Geist ist willig...
 
Registriert seit: 14.09.2006
Ort: München
Beiträge: 9
Das hättest du meiner Mutter vor 25 Jahren erzählen sollen...

Und den Müttern / Vätern hier kann ich nur raten: Kinder lernen von ihren Eltern. Das was ihr ihnen Vorlebt, ist für Kinder "normal" nicht das, was ihr ihnen erzählt. Wenn ihr euren Kinder ein gesunden Essverhalten vermitteln wollt, dann lebt es ihnen vor.

Und kommt bitte nicht mit der Satz: "Ich bin ja nicht zu dick, ich muss ja nicht abnehmen." wenn ihr euch Süsskram rein zieht und eure "dicken" Kinder euch fragen, warum ihr so was essen dürft und sie nicht. Mit solchen Sprüchen bringt ihr eure Kinder dazu, genau die Essstörungen zu entwickeln, vor denen ihr sie eigentlich bewahren wollt.

LG
Andrea
__________________
Wer kämpft, kann verlieren - wer nicht kämpft, hat schon verloren


Diäten
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  #5 (permalink)  
Alt 22.09.2006, 17:25
Keth
Gast
 
Beiträge: n/a
Zitat:
Zitat von andrea75
Das hättest du meiner Mutter vor 25 Jahren erzählen sollen...

Und den Müttern / Vätern hier kann ich nur raten: Kinder lernen von ihren Eltern. Das was ihr ihnen Vorlebt, ist für Kinder "normal" nicht das, was ihr ihnen erzählt. Wenn ihr euren Kinder ein gesunden Essverhalten vermitteln wollt, dann lebt es ihnen vor.

LG
Andrea
Dem kann ich nur zustimmen. Ich habe meinen Kindern diesen - ich nenne es mal - "Diätwahn" vorgelebt und habe damit und durch Bemerkungen über die Figur meiner Tochter (,die nie dick war, sondern vielleicht 1 oder 2 Kilo zu viel hatte) in eine Essstörung getrieben.
Also, versucht euren Kinder nso gut es geht ein gesundes und natürliches Essverhalten vorzuleben!
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  #6 (permalink)  
Alt 22.09.2006, 19:35
Benutzerbild von Zauberfee2503
Spitzen Naschkatze
 
Registriert seit: 21.06.2006
Ort: Schwerte
Beiträge: 532
Geschlecht:
WOW ein ganz toller Beitrag... viele Sachen habe ich so noch garnicht bewußt wahr genommen.
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  #7 (permalink)  
Alt 27.09.2006, 15:51
Gesperrt
 
Registriert seit: 16.09.2006
Beiträge: 143
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Find den Beitrag auch super! Es stimmt wirklich... Ich bin ja nun 15 und vor ein paar Jahren gabs da auch ein paar Sprüche von meinen Eltern, die mich sehr traurig machten auch wenn sie vielleicht teilweise auch nicht so gemeint waren... Aber immerhin hab ich noch nie irgendwie versucht krankhaft abzunehmen und war so stark das ich mir selbst gesagt hab das es nicht so wichtig ob ich nun 2kg mehr wiege... Das war wohl dann auch mein Glück^^ Naja, aber jetzt mit 15 versuche ich meine Ernährungsweise so umzustellen das ich ein paar Kilos langsam verliere...

Lg Lieschen
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Alt 27.09.2006, 16:09
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Beiträge: 2.477
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Auch ich finde deinen Beitrag ganz toll... großes Kompliment !
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  #9 (permalink)  
Alt 27.09.2006, 16:27
Frischling
 
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hallo!
ich mußte grade richtig weinen als ich deinen beitrag gelesen habe! ich war auch immer molli/dick. und meine eltern haben mir auch immer gesagt ich soll nicht so viel essen, ich soll abnehmen usw. nach meiner schwangerschaft hatte ich dann 100kg und dann kam von allen seiten..." du bist dick"..!!!selbst mein mann meinte ich sollte mal eine diät machen.

mein ganzes leben ist eine einzige diät. mal wiege ich viel mal recht wenig.

jetzt habe ich auch schon wieder 18kg abgenommen und habe so meine essprobleme auf die ich aber nicht weiter eingehen möchte.meine eltern und mein mann merken das garnicht. sie gratulieren mir zu jedem kg was ich verlohren habe.
am WE habe ich meinem mann dann erzählt was mit mir los ist und er meinte nur (weil ich dabei geweint und mich geschämt habe) "ich hab jetzt gedacht es kommt was schlimmes"...als wenn eine essstöhrung normal ist und nicht so schlimm ist. und wenn ich mit ihm drüber reden will meint er nur ich nerve ihn mit meiner diät.bin deswegen ein wenig fertig.....

danke fürs durchlesen

LG
lenani
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Alt 27.09.2006, 18:03
Wohnt hier
 
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Beiträge: 1.619
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lenani - auch wenns krass klingt - schmeiss ihn raus und geniesse Dein Leben - Du hast nur eines und wenn Dein Mann "genervt" ist von Deinen Problemen..... dann kommts mir so vor als ob ER Dein größtes Problem ist, oder?????
Sorry wenn ich da was in den falschen Hals gekriegt habe aber solche Männer braucht keine Frau!!!!!

... und oft erledigen sich mit den wirklichen Problemen auch die Ess-Probleme ganz von alleine ......

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